Freitag 17. Dezember 2010 von Hainbuchenplatz
Current Mood:
LEICHT verwirrt &
Mischievous &
stinksauer
dramatis personae:
- ich selbst
- der Weihnachtsmarkt
- ein Kirchturm
- eine Eos 400d
15. Dezember 2010, Schweinfurt, die Frisur hält.
17.00: Ich beginne den Aufstieg und bleibe schon nach wenigen Metern mit meiner Ausrüstung im dünnen Treppenaufgang stecken …
17.07: Allen Widrigkeiten zum Trotz habe ich es geschafft. Ich stehe im Turm meiner Taufkirche, noch über dem Glockenraum, Blick frei geradeaus, hinunter auf den Schweinfurter Weihnachtsmarkt. Ich höre stimmen …
17.10: Routiniert beginne ich mit meiner Arbeit. Die Kamera ist fertiggeladen und entsichert. Die Stimmen haben sich als Weihnachtskonzert enttarnt. Schön – irgendwie – komisch – aber schön …
17.11: Gleich der erste Schuß ein Volltreffer, fast das Bild des Abends wie sich später herausstellen wird. In mir kommt Weihnachtsstimmung auf. Ja, richtig gelesen, in mir kommt Weihnachtsstimmung auf. Trotzdem arbeite ich konzentriert weiter …

17.14: Vorsicht, in einer Minute muß ich aufpassen, hat der Diakon gesagt; Glocke, schlag um viertel, ich steh ja direkt drüber …
17.16: So schlimm war’s ja gar nicht, hab ja auch mit gerechnet; Fuchs, der ich doch bin …
17.20: Das Konzert scheint vorbei zu sein. Schade? …
17.21: Ein Moderator steigt auf die Bühne und fängt an, mit Kindern Weihnachtslieder einzuüben. Schwierigkeiten bei der Motivwahl und beim Anschnitt. Schlechtes Omen? …
17.30: Da schlägt’s sogar zweimal; ich Fuchs ich. Natürlich wieder nicht erschrocken! …
17.31: Verdammt schlechtes Omen!!! Nachdem die Kinder auf der Bühne den Moderator beim Singen um Längen geschlagen haben
, kündigt dieser einen Santa Claus, Weihnachtsmann oder was auch immer an …
17.32: Die nächsten 10 Minuten ergeht sich der Mensch darüber und rechtfertigt sich vor den Eltern, warum denn heute der Weihnachtsmann kommt und nicht der Nikolaus und wer ist überhaupt Paul? Verdammt! Paul ist tot! Es lebe Paul! Und eigentlich ist doch alles nur die Weihnachtsgeschichte …
17.42: Mir kommt das kalte Kotzen – bildlich gesprochen. Ich bin doch nicht zu Hause, wo man mal schnell in die Ecke … Endlich ist auch dieser fade Anflug von Weihnachtsstimmung weg! Angeekelt räume ich das Feld und trete den geordneten Rückzug an. Hätte ein richtig schöner Abend werden können (aber da warten eh noch ein paar Seiten Kulturtheorie auf mich, also eigentlich scheiß egal) …
17.45: Man sollte um diese Uhrzeit nicht direkt neben der Glocke stehen – Mist! Doch erschrocken. Verdammt laut! Fuchs, du hast die Gans gestohlen, und so weiter, und so weiter … oder warum Schiller auszog und seine Locke verlor: denn fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt …
17.50: Während des Abstieges, der ist fast noch anstrengender als der Aufstieg, oder kommt mir das nur so vor, während des Abstieges also bleibe ich doch an genau der gleichen Stelle wieder stecken. Wie kommt’s? Hab ich doch fast 13 Kilo abgenommen! Ah, kein Wunder, die Ausrüstung trägt doch ganz schön auf. Unten in der Kirche probt gerade der Chor …
17.53: Ich konnte mich aus meiner mißlichen Lage befreien und bin unversehrt unten angekommen. Der Kinderchor hat fertig, löst sich auf. Die nächste Altersstufe ist dran …
17.56: Ich verlasse die Kirche mit der Überzeugung, daß Menschen, die keine Ahnung haben, öfters einfach mal die Schnauze halten sollten. Nikolaus, Weihnachtsmann und Santa Claus (oder wie auch immer), alle drei haben ihre Existenzberechtigung. Aber reicht es nicht, wenn unsere Kinder einmal Besuch von einem der drei bekommen und nicht noch unzählige Male auf Weihnachtsmärkten, in Kaufhäusern oder wo sonst auch immer. Die kleinen spielen ja schon Computerspiele und da steht vorn drauf ganz groß „Epilepsiewarnung!“. Brauchen wir da wirklich so platte Rechtfertigungsversuche? Ich sage „Nein!“ zu platten Rechtfertigungsversuchen. Harald Schmidt sagte „Ja!“ zu deutschem Wasser! Aber mal ganz ehrlich! Woran sollen denn unsere kleinen noch glauben, wenn’s ihnen die Großen nicht mal richtig erklären können. Oder ist Phantasie nichts für Erwachsene. Da gibt’s tausende Ausreden für Erwachsene, die einem die Kleinen ohne mit der Wimper zu zucken abnehmen. Und das nichts damit zu tun, Kinder anzulügen. Das hat etwas damit zu tun, Kinder vor unserer Erwachsenenwelt ein Stück weit zu bewahren. Spart euch diese schleimig ekelhaften Erklärungsversuche, die weder Hand noch Fuß haben und so lächerlich wirken. Bitte! …

17.58: Draußen schaue ich mich um. es hat ein bißchen geschneit, erinnert mich an Zuckerguß und verschafft meinen Bildern bestimmt die richtige Stimmung – gut so! Danke Cooney, dein Gruß hat tatsächlich Glück gebracht. Ich drehe mich noch einmal um die eigene Achse – verdammt, das Parkticket ist seit vier Minuten abgelaufen (und Kommerznachten schon lange)! Als ich zum Auto gehe denke ich bei mir: “Oh Zukunft, ick hör dir trapsen!”
Und dieses beschissene Rechtschreibprogramm sagt mir, ich soll „schnellebig“ mit drei „l“ schreiben, aber von Groß- und Kleinschreibung hat’s noch nie was gehört … oh verdammt … ich muß weg … ganz dringend!!!